1800 Jahre Deutsch-Georgische Geschichte: Erstaunliche Fakten

Goten und Kolchier
Deutsch-georgische Verknüpfungen haben im dritten Jahrhundert angefangen, mit gotisch-kolchische Kontakte. Die altgermanische Goten – von Tacitus Gotonen genannt und auf Gotisch Gutans - hatten damals auf der Krim gesiedelt. Von daraus drangen sie auch in Siedlungen und Städte an der kolchischen (westgeorgischen) Schwarzmeerküste vor. Die Goten kamen in erster Linie als Plünderer, aber es entwickelten sich auch bessere Kontakte zwischen den Völkern.

Die altgermanische Goten

Die Krimgoten waren frühe orthodoxe Christen, genauso wie die Georgier. Es gibt Hinweise, dass im fünften Jahrhundert an der Küste beim Kaukasusgebirge ein gotischsprachiges Volk lebte. Auf jedem Fall wird angenommen, dass Goten sich im Laufe der Jahrhunderte mit kaukasischen Völkern - wie die Georgier - vermischt haben. Im siebten Jahrhundert kam der gutische Episkop Johannes nach Georgien. Er empfing in der damaligen Hauptstadt Mzcheta den Segen vom Patriarch der Georgisch-Orthodoxe Kirche.

Kreuzfahrer in der Schlacht
Im 12. Jahrhundert galten die Georgier für deutsche Kreuzfahrer als christliche Verbündeten im weltweiten Kampf gegen die muslemische Mächte. Damals regierte in Georgien der berühmte König Dawit IV. der Erbauer (1073 – 1125). Ihm gelang es, die jahrhundertelang von den Seldschuken besetzte Teile Georgiens zurück zu erobern. Entscheidend dafür war der Schlacht bei Didgomi am 12. August 1121. In dieser Schlacht kämpften 200 fränkische Kreuzritter an der Seite des georgischen Königs.

König Dawit IV. der Erbauer
David IV. König von Georgien

Diplomatische Beziehungen im Mittelalter

König Dawit baute ein vereinigtes georgisches Königreich, das bis ins 13. Jahrhundert eine außerordentliche Blütezeit kennte. In diesem georgischen Goldenen Zeitalter waren die Völker der Kaukasusregion vereinigt und entwickelten Kultur und Handel sich stark. Friedrich I. Barbarossa (1122–1190), der Kaiser des römisch-deutschen Reiches, unterhielt diplomatische Beziehungen mit dem georgischen Köning Giorgi III und mit dessen Tochter und Nachfolgerin, Königin Tamar. Barbarossa schlug dem georgischen Hof sogar vor, seinen Sohn Friedrich von Schwaben mit Tamar zu verheiraten. Man entschied sich aber für den alanischen (ossetischen) Prinzen David Soslan. 

Friedrichs I. Barbarossa
Das Kyffhäuserdenkmal: Friedrichs I. Barbarossa

Deutsche Vorstellungen über Georgien im 17. Jahrhundert

Georgien galt im Deutschen Raum auch nach dem Mittelalter als besonderes, christliches Land an der Grenze Europas. Ein Beispiel von diese Vorstellungen finden wir bei Eberhard Werner Happel (1647-1690), ein deutscher Universalgelehrter, Übersetzer, Romanautor und Journalist. In seinem Geschichtsroman: "Der europäische Toroan" (seite 460) charakterisiert er Georgien und die Einwohner wie folgt: „Dieses Land [Georgien] ist von der Natur beste, welche es mit unersteiglichen Bergen umsingelt hat. Die Einwohner sind tapfere Kriegsleute und haben den Griechischen Christlichen Gottesdienst.“

Deutsche Kolonisten in Georgien

Am Anfang des 19. Jahrhunderts siedelten deutsche Kolonisten in Georgien. Es handelte sich um radikale Pietisten aus Württemberg und Baden, die in ihrer Heimat als Separatisten galten. Diese Pietisten glaubten, die Apokalypse komme bald, und sie könnten diese nur in der Kaukasusregion überleben. Ihre Ansiedlung in Georgien war eine kompakte Operation in den Jahren 1817-1818, die von der russischen zaristischen Verwaltung in Georgien stark subventioniert wurde. Der damalige russische Gouverneur wollte die „Kolonie“ Georgien wirtschaftlich entwickeln. Er glaubte, die deutschen seien mit ihrer Fleiß, Kenntnisse und Arbeitsmoral das geeignete Volk um die Entwicklung in Gang zu setzen. Man gab den deutschen Kolonisten Land, Geld und ließ russische Soldaten Häuser für sie bauen.

Katharinenfeld Georgien
der deutschen Siedler im Kaukasus
Das Verhalten der Kolonisten waren für die russische Verwaltung aber sehr enttäuschend. Diese ganz besondere Gruppe von deutschen zeigten die erwünschten Arbeits- und Entwicklungslust überhaupt nicht. Sie waren nur mit ihrer Religion beschäftigt und verdienten etwas Geld mit Weinproduktion, deren Methoden sie von den Georgiern übernahmen. Man musste immer mehr Geld in sie investieren, und einmal sogar ihre Dörfer von Kosaken umzingeln lassen, als sie nach Palästina abreisen wollten.

Trotz aller Vorteile, die die Deutschen erhielten, betrachten die Georgier sie bis heute nicht als Kolonisten oder Besetzer. Das hat einerseits damit zu tun, dass in Georgien schon immer viele ethnische Gruppen zusammengelebt haben. Besonders im neunzehnten Jahrhundert kamen auch viele Einwanderer dazu. Griechen und Armenier flüchteten nach Georgien aus ihren von den Türken besetzten Gebiete. Juden haben schon immer in Georgien gelebt. Dazu kamen im neunzehnten Jahrhundert viele russische und kosakische Siedler aus dem Norden. Andererseits wird auch eine Rolle gespielt haben, dass die Deutschen christliche Europäer waren, niemanden belästigten und keine politische Interessen hatten.

Deutsche Forscher in Georgien im 19. Jahrhundert

Gustav Radde
Gustav Radde
Es kamen im 19. Jahrhundert auch viele einzelne Deutsche nach Georgien, besonders interessierte Reisenden und Forscher. Einer von denen war Gustav Radde (1831 – 1903), ein deutscher Geograph und Naturforscher. Kaukasien zu erforschen war sein größter Wunsch. Radde lebte und arbeitete vierzig Jahre lang in Georgien und hat sehr viel beigetragen. Er organisierte sehr viele Forschungsreisen. In Tiflis gründete und leitete er das kaukasische Museum und die öffentliche Bibliothek. 

Gottfried Merzbacher in Georgien
Gottfried Merzbacher
Ein anderer, bekannter deutscher Forscher in Georgien war Gottfried Merzbacher (1843-1926). Er war Alpinist und erforschte das Kaukasusgebirge. Zusammen mit Ludwig Purtscheller, ein erfahrener Tiroler Bergsteiger, erreichte er in 1891 die isolierte Region Swanetien, auf mehr als 2100 Meter Höhe. Merzbacher lernte dort die Swanetier kennen, ein georgisches Volk mit einer eigenen Sprache und eigene Traditionen.  Merzbacher versuchte auch, der Gipfel Uschba (4737 Meter) zu bezwingen. In 1892 erforschte er das östliche Kaukasusgebirge. Er beschrieb das Gebiet gründlich und publizierte seine Arbeit in 1901.

 

Deutsche militärische Präsenz in der Kaukasus am Anfang des 20. Jahrhunderts  

Nach der Russischen Revolution in 1917 und dem damit verbundenen Zerfall des russischen Zarenreichs gelang es Georgien, sich als Republik unabhängig zu machen. Es entstand in 1918 die Demokratische Republik Georgien, geführt von Menschewisten. Deutschland erkannte die neue georgische Republik als erstes Land in der Welt an, schon zwei Tage nach ihrer Gründung. Das Deutsche Kaiserreich hatte ein besonderes Interesse daran, bei den neuen Machtverhältnissen ihre Öllieferungen aus Aserbaidschan (Baku) über die Georgische Hafenstadt Batumi zu sichern. Eine deutsche militärische Expedition machte sich auf dem Weg nach Georgien. Es wurden deutsch-georgische Einheiten zusammengestellt, die die Interessen der neuen Republik verteidigten wollten. Ende 1918 mussten die deutsche Truppen das Land aber schon wieder verlassen.

Zerfall der Sowjetunion, Wiedervereinigung Deutschlands und Unabhängigkeit Georgiens

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es einen Georgier, der für die Deutschen besonders viel bedeutet hat: Eduard Schewardnadse. Von 1985 bis 1991 war er Außenminister der Sowjetunion. Seine Politik und persönliches Auftreten haben entscheidend daran beigetragen, dass die Wiedervereinigung Deutschlands möglich wurde und friedlich verlief. Schewardnadse war der Meinung, die Länder in Osteuropa sollen Verbündeten und Freunde sein statt Unterworfenen. Er befreundete sich mit den damaligen Außenministern James Baker und Hans Dietrich Genscher und verhinderte, dass Hardliner in der Sowjetunion ihre Meinung geltend machen konnten.

Am 9. April 1991 erklärte die Republik Georgien seine Unabhängigkeit. Deutschland war das erste Land das diese anerkannte und auch das erste Land das in Tbilisi eine Botschaft eröffnete. Der erste Präsident Georgiens war Swiad Gamsachurdia. Er war der Sohn des berühmten georgischen Schriftstellers Konstantin Gamsachurdia, der an der Friedrich Humboldt Universität in Berlin studiert hatte.

Deutschland und Georgien

Rückgabe von Kriegsbeute

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden bis 70.000 Bücher aus deutschen Bibliotheken von der Sowjetarmee nach Moskau transportiert. Danach verteilte man die Beute teilweise in die Sowjetrepubliken. Die deutschen Bücher die in Georgien landeten, wurden vor einiger Zeit in der Universitätsbibliothek in Tbilisi wiederentdeckt. In Juni 2014 hat Georgien Deutschland diese Beutekunst zurückgegeben.

Literatur:
Eberhard Werner Happel
Deutsche Kolonisten in Georgien
Gustav Radde
Deutsche Kaukasusexpedition